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Ukulele und Lagerfeuer


Wie alles begann

Als mein Bruder im Sterben lag und ich wie betäubt einerseits selbst in grosser Trauer war und andererseits versuchte irgendwie stark zu sein und tröstend meinem Vater beizustehen, da erblickte ich sie in Vaters Schlafzimmer. Jene uralte Ukulele aus den 50er Jahren. Mein Vater meinte, es sei ein Souvenir aus Deutschland und wohl eher ein Schmuckstück denn ein richtiges Instrument. Ich aber erinnerte mich, dass mein Bruder und ich als Kind auf jener Ukulele fröhlich herumspielten und wohl alle in den Wahnsinn trieben. Welch Freude hatten wir. Und dann verstaubte sie, wurde vergessen, bis ich sie wiederfand, zum Leben erweckte, sie etwas aufhübschte und sie nun tatsächlich in meiner Wohnung als Schmuckstück voller Erinnerung in ihrem Glanze erstrahlt. Spielen kann man darauf tatsächlich nicht mehr, sie ist verstimmt und verzogen.

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Alt, verstimmt, verzogen, aber wunderschön und voller Erinnerungen.
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Eine himmlische Verbindung

Ukulele lässt mich nicht mehr los

Und so habe ich mir eine neue und richtige Ukulele gekauft. Eine der Marke "Leho", was Muschel auf Hawaiianisch bedeutet. Ich habe mich für eine Tenor Ukulele entschieden, jene ist etwas grösser und klangvoller als die klassische Sopran Ukulele. Und ich liebe sie. Sie gefällt mir sehr und sie hat ebenso einen wunderbaren Platz in meiner Wohnung erhalten, mit dem Unterschied, dass ich sie regelmässig zur Hand nehme und übe. Ob’s zur Freude meiner Nachbarn ist, weiss ich noch nicht. Aber ich erlebe grosse Freude. Das Üben befördert mich sanft in den Moment. Ich bin fokussiert auf das Tun, es gibt in diesem Moment nichts anderes. Nur die Uke und ich. Und mein Bruder.

Eine himmlische Verbindung

Durch das Spielen werde ich an meinen Bruder erinnert, an unsere gemeinsame Kindheit, dieses unbeschwerte Spielen, das Herumtoben, all die Abenteuer, welche wir gemeinsam erlebt haben in jungen Jahren.

Die Finger tun weh

Die richtige Haltung der Ukulele sei sehr wichtig, sagte mir ein älterer Herr, der Ukulele Lehrer ist. Danke für den Tipp! Ebenso, die Fingernägel der Griffhand ultrakurz zu schneiden. Handkehrum sollte die andere Hand längere Fingernägel haben. So richtig zum Saiten schmettern oder sanft zupfen. Und ich dachte immer, Männer mit solch komisch geschnittenen Fingernägel seien ungepflegt, dabei waren dies wohl alles begnadete Gitarrenspieler. Augen auf, Mädel! Nun weiss ich es besser. Die Fingerkuppen der Griffhand tun ganz schön weh, bis man sich mal daran gewöhnt hat. Die Saiten hinterlassen im Fleisch der Fingerkuppen ordentliche Spuren und irgendwann bildet sich dort wohl Hornhaut. Ich glaube, dann ist man bereit, Baby. Bereit, so richtig gut zu werden. Doch bis dahin ist noch ein langer Weg, aber hey, der Weg ist das Ziel. Und derzeit erfreue ich mich an Songs wie «Halleluja» oder «Country Road» und es macht einfach nur Spass. An einem Lagerfeuer zu sitzen mit lieben Menschen, die gerne mitsingen, stelle ich mir wunderbar vor. Unter freiem Sternenhimmel, mit der Natur verbunden, ineinander fliessen, Grenzen auflösen, den universellen Tanz tanzen. 

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Text und Bilder: Silvia Cristini