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Billige Kopie

Billige Kopie

Mann und Frau, sie alle durchleben in der scheinbaren Mitte ihres Lebens eine Art Sinnkrise. Namen dafür gibt es viele, oft missverstanden und verkannt, abgetan. Die Chance dahinter erkennen nur wenige.​​​​​​

Harley und Toyboy

Statt sich nun einen jungen Lover zu suchen oder eine Harley zu kaufen, statt fremdzugehen mit einer viel jüngeren Frau, sollten wir mal kurz innehalten und uns fragen, was uns so wertlos fühlen, so zweifeln lässt am bisher gelebten Leben. Wer oder was lässt uns zweifeln, was macht uns unruhig, unzufrieden?

Innehalten

Innehalten und einen Gang zurückschalten. Von mir aus auf der Harley. Überdenken, was uns beschäftigt, uns gerade unglücklich macht, unsere Liebe zum Leben hemmt. Fühlen wir uns noch attraktiv, begehrenswert? Und wenn nein, wann haben wir uns selbst verloren, uns selbst angefangen nicht zu mögen, wann haben wir begonnen, uns hinter einer Maske zu verstecken? Sind wir immernoch auf das Urteil von Aussenstehenden angewiesen, so wie einst das Kind, das seinen Wert nur anhand eines Lobes einstufen konnte? Manch Erwachsener, manch Top Manager, jagt jenem Lob auch heute noch hinterher, bis zum Ausbrennen seiner Seele. 

Das Problem

Das Problem ist, dass wir denken, wir hätten Zeit. Wenn wir Mitte 40 oder gegen die 50 zugehen, denken wir, wir hätten mehr als die Hälfte des Lebens durch. Noch bleibt uns jedoch Zeit, die Weichen zu stellen, das Segel herumzureissen. Ist das so? Im Idealfall schon. Aber ich sehe es eher so, dass wir seit unserem ersten Atemzug, seit unserer Geburt, bereits auf dem Weg nach Hause sind und es jederzeit vorbei sein kann mit dem Erdendasein. Spätestens dann, wenn man Menschen in jungen Jahren um sich herum verloren hat, wird man das wohl ähnlich wahrnehmen.

Die Trauer, nicht gelebt zu haben

Und so denke ich, ist die Krise, die Mann und Frau durchlaufen, nicht unbedingt von eitler Natur, sondern eine tiefe innere Trauer, nicht richtig gelebt zu haben, seinem Wesen nicht gerecht geworden zu sein. In jungen Jahren werden wir von unseren Eltern geprägt, nach deren besten Willen und Wohlwollen. Bis wir eines Tages merken, dass wir lediglich eine Kopie unserer Eltern geworden sind, ziehen Jahre ins Land. Alles wurde auf dieser Illusion aufgebaut. Der Partner, die Partnerin, die wir uns ins Leben gezogen haben, sind sie nicht Vater und Mutter so ähnlich? Und gibt es nicht gerade deswegen so oft Streit oder es fehlt an Anziehungskraft? Und unseren Kindern, geben wir ihnen nicht genau all diese Prägungen weiter? Gut gemeint, doch so ungeprüft.

Prägungen

Wir tun dies so lange, bis wir selbst in eine Krise geraten, uns selbst Zeit für uns gönnen müssen, wir den dunklen Weg hinab in unseren tiefsten Abgrund wagen, in der Dunkelheit ausharren, weinen, schreien, still werden, neu geboren werden, in neuem Licht erscheinen. Das erste Mal zu uns selbst werden, so wie wir eigentlich erdacht sind.

Wer bist du in Wahrheit? Und hast du Angst vor deiner eigenen Stärke, deinem ureigensten Wesen?


Text: Silvia Cristini