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Worte. Alles ist vergänglich. Nichts bleibt. Was bleibt, ist Nichts. Und im Nichts ist alles enthalten. Und wie hier im Bild die Worte im Meer versinken, so werden auch diese meine Texte hier nur für eine Weile zu lesen sein. Dann werden sie gehen. Dann werden sie zu Worten, die im Meer versinken. Zu Texten in den Wind.

23. Februar 2020

Eins werden - Durch das Malen zum Kern vordringen

Ich möchte heute aus der Perspektive einer Kunstschaffenden schreiben. Wie fühlt es sich an, wenn man vor einer noch weissen Leinwand steht? Wie kommt man mit der Leere zurecht?

Ein mir sehr vertrauter, nahestehender und erfolgreicher Künstler sagte mir einst, dass er die Leere auf einer Leinwand nicht ertragen kann und all seine Gemälde, noch bevor er anfängt zu malen, etwas enthalten müssen. Ein paar Striche, eine Fotokopie, eine Projektion, irgendwas, Hauptsache nicht weiss. Das Weiss würde ihn erdrücken. Es würde bedrohlich wirken auf ihn. Er käme sich verloren vor, ängstlich und allein.

Die Leere also kann bedrohlich wirken. Selbst auf einer weissen Leinwand. Dies schien mir ein interessanter Aspekt und ich begann, mich vertieft damit zu befassen.

Was fühlte ich, wenn ich male? Erging es mir ebenso wie ihm? Bekam ich Angst, ein beklemmendes Gefühl, verschlang mich gar die Leere, oder aber schenkte sie mir gar etwas? Vielleicht Freiheit?

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Ob an der Staffelei, an der Wand oder auf dem Boden... Hauptsache nicht starr.

Ich wurde also zu meiner eigenen Beobachterin

Ich stand also vor dieser weissen Leinwand und beobachtete meine Gedanken. Ich wurde zu meiner eigenen Beobachterin. Innerlich machte ich ein paar Schritte zurück. Liess Abstand. Gewährte mir Raum.

Schwellenangst

Was ist, wenn ich bereits mit dem ersten Strich alles zerstöre? Was ist, wenn ich die Jungfräulichkeit des unberührten Gemäldes mittels eines einfachen, jedoch völlig unbedachten Pinselstrichs zerstöre? Ich bemerkte als erstes eine Art Schwellenangst. Angst, den ersten Pinselstrich zu machen. Angst, den ersten Schritt zu tun. Denn jetzt war alles noch gut. Alles war offen. Aber wenn ich den ersten Pinselstrich ansetze, ist die Leere zerstört und ich habe eine Richtung vorgegeben. Was ist, wenn es die falsche Richtung ist? Kann ich dann noch etwas ändern, kann ich dann noch umkehren? Oder ist dann die Leinwand zerstört? Ist dann mein Leben zerstört?

Mut

Malen erfordert also auch ein wenig Mut. An Mut fehlt es mir grundsätzlich nicht. Jedoch jetzt, wenn ich so vor dieser weissen Leinwand stehe, merke ich, dass ich Angst vor dem alles entscheidenden Schritt habe. Etwas zu verändern. Eine neue Richtung vorzugeben. Niemand ist da, um nach Rat zu fragen. Ich allein muss entscheiden.

So erschien alsbald ein Engelchen und ein Teufelchen auf meiner Schulter. Das eine rief "warte und überlege dir gut, was du tust" und das andere rief "mach endlich, worauf wartest du?" Ein Gezanke im höchsten Masse, dabei sollte Malen doch ein stiller Prozess sein. Entspannend. Fast meditativ. Einen kurzen Moment war ich fast unfähig etwas zu tun, ich stand wie versteinert da und wäre mir nicht genau dann der mit Farbe getränkte Pinsel aus der Hand gerutscht, wäre ich wohl heute noch unfähig mich zu bewegen.

Dieser Farbklecks, welcher aufgrund des gefallenen Pinsels entstand, liess innert Bruchteilen von Sekunden die Leere in ein Etwas verwandeln. Der erste Schritt war getan. Doch ich war das nicht. Jemand tat den Schritt für mich.

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"Mercedes"

Wer war das?

Hat mein Unterbewusstsein meine Hand schwach werden lassen, sodass ich den Pinsel fallen lassen musste, ich keine andere Wahl hatte? Hätte es auch anders laufen können, oder gab es nur diese eine Möglichkeit? Die Sache rückgängig machen konnte ich nicht, es war passiert, die Sache war nun vorgegeben. Nun nahm alles seinen Lauf.

Den ersten Strich auf einer Leinwand zu setzen ist zu vergleichen mit dem Wagnis einen Schritt ins Ungewisse zu tun. Ich kann stehenbleiben oder aber ich kann vorwärtsgehen. Bleibe ich aber zu lange stehen und wage nicht, den ersten Pinselstrich zu setzen, den ersten Schritt, werde ich womöglich von selbst darauf gestossen. Jemand wird mich darauf stossen. Jemand wird mir aufzeigen, dass ich hätte den ersten Schritt machen müssen, den ersten Pinselstrich. Man nennt es dann Schicksal. Unfall. Im besten Fall; Glücksfall.

Wie ein Maler ein Gemälde erschafft, können wir unser Leben erschaffen. In jedem Moment neu. Wir haben alle möglichen Farben zur Verfügung. Es liegt an uns, welche Farben wir wählen. Tag für Tag. Und auch in den dunkelsten Nächten.

Wir haben die Wahl, ob wir es selbst erschaffen, selbst malen, oder ob es für uns gemalt wird. Wird es für uns gemalt, dürfen wir uns hinterher nicht beklagen, dass die Farben dunkel sind, schwarz, düster, erdrückend, traurig.

Malen ist also ein Erschaffen von einer neuen Welt. Als Maler ist man Kanal. Das entstandene Bild ist eine Projektion des Geistes. Es spiegelt die Welt. Kehrt die innere Welt nach aussen. Es ist manifestiertes Sein. Wenn man im Herzen verweilt, kann ein Maler die Göttlichkeit durch sich hindurchfliessen lassen und durch die Hand auf die Leinwand projizieren. Etwas, das zeitlos ist. Den eigenen Tod überdauert. Unsterblich ist.

Dass Gemälde zeitlos sein können, zeigen uns all diese wundervollen Kunstwerke, welche wir in Galerien bewundern dürfen. Wer sich die Zeit nimmt und in aller Zentriertheit vor solch einem Gemälde steht, spürt die Anwesenheit des Künstlers. Sein Spirit ist für immer darin verewigt. Da ist ein Gefühl, da ist ein Erleben möglich, ein sich Einfühlen in die Seele des Erschaffers, des Künstlers, des Vaters. Es ist sichtbar gemachte Liebe.


Text und Fotos: Silvia Cristini